Fremdscham: Was der Echo-Skandal wirklich über unsere Zeit aussagt

Die jüngste Echo-Verleihung ist um eine Facette reicher – es war die letzte ihrer Art. Marketingabteilungen und Reißbrett-Virtuosen verdrücken mit Blick auf ihre Regale voller Echos salzige Tränen, denn die alljährlichen Schulterklopfer der Industrie bleiben zumindest solange aus, bis ein neuer Preis erfunden wird, der die Umsatzstärksten der Umsatzstärksten auszeichnet. So besteht die (zugegeben geringe) Wahrscheinlichkeit, dass Sony BMG, Universal und wie sie noch alle heißen, keine Staubfänger für das Jahr 2019 erhalten werden.

Nachdem der von vermeintlich seriösen Künstlern eigentlich nur belächelte Award durch eine preisgekrönte judenfeindliche Textzeile plötzlich wieder in den Medien diskutiert wurde und eben jene vermeintlich seriösen Künstler aus ihren Höhlen gekrochen kamen, um ihre gewiss gefragte Meinung loszuwerden, konnte der Echo dem draus resultierenden Scham nicht mehr aushalten. Er trat zurück.

Trotz mahnender Zeigefinger-Gesten von „Protest-Sängern“ wie Marius Müller Westernhagen, der mit seinen tiefsinnigen Zeilen auf „Sexy“ ein ganzes Land zum Nachdenken animierte, wartete das Volk die ganze Zeit auf Äußerungen der wirklich bedeutsamen Künstlern unserer Zeit – Helene Fischer („Atemlos durch die Nacht“) und Mark Forster („Ohooo, Ohooo“). Da diese aber bekanntlich zwischen Albenproduktionen und Preisverleihungen mit herausgenommener Batterie in ihren Kältekammern ruhen, ließ sich nur das Social-Media-Team der erstgenannten Sängerin zu einem Statement hinreißen. Herausgekommen ist eine – synchron zur Musik – recht glibbrige, breiige Wörterwand, die ein „Meinungstext“ sein muss, da sie von den allgemeinen Berichterstattern als solcher bezeichnet wird.

Es kann nur besser werden.

 

Dieser Gastbeitrag stammt von Sven B.

 

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